In Kürze
Worum geht es in dem Podcast?
Prof. Dr. med. Thomas Herdegen, Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie und stellvertretender Leiter des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie, eröffnet im Trailer zum Circle of Experts 2026 einen pharmakologisch fundierten Blick auf den klinischen Stellenwert von Medizinalcannabis. Seine Kernthese: Cannabinoide wirken nicht isoliert auf die Schmerzachse, sondern modulieren parallel das limbische System, die Affektregulation und die Stressachse — genau jene Dimensionen, die in der multimodalen Schmerztherapie ohnehin medikamentös adressiert werden müssen.
Herdegen leitet die Funktion des Endocannabinoid-Systems aus der Evolutionsbiologie ab: Hungeraktivität, Nachtsehen und Risikobereitschaft sind über CB1- und CB2-Rezeptoren reguliert, unter anderem im Ganglion nodosum des Nervus vagus, im dynamischen Gegenspiel zum Sättigungspeptid Cholecystokinin (CCK). Daraus entwickelt er ein klinisches Argument für den Wechsel von Opioiden zu Medizinalcannabis: Während Opioide eine regenerationsorientierte chemische Kastration mit Testosteron- und Östrogen-Suppression verursachen, eröffnet Cannabis ein günstigeres Profil — sofern die Analgesie trägt.
Praktisch konkretisiert Herdegen Dosierungs- und Sicherheitsaspekte: THC per os als therapeutisch entscheidender Wirkstoff, CBD im Verhältnis von eins zu eins bis eins zu zehn, dazu der Hinweis auf die kritische Schwelle von 300 mg CBD, ab der Transaminasen steigen und CBD als CYP3A4-Hemmer ähnlich Verapamil wirkt. Den Ausblick bildet die Verzahnung mit Psilocybin und dem Default Mode Network — eine Forschungsperspektive für Palliation und psychiatrische Indikationen, die der Kongress 2026 vertiefen wird.
Drei Formate an einem Tag - der Circle of Experts

Fachvorträge
Klinische Praxis aus Schmerz- und Palliativmedizin, Neurologie, Pharmakologie, Pflege und Apotheke. Kurze Slots, hoher Praxisbezug, Q&A direkt im Anschluss.

Fachdiskussionen
Moderierter Austausch zwischen Klinik, Praxis, Apotheke und Pflege. Themen werden vorab gesammelt und gemeinsam priorisiert.

Netzwerken
Klinik, Praxis, Apotheke und Pflege kommen in kleinen Tischrunden gezielt miteinander ins Gespräch, vertiefen Kontakte aus dem Tagesprogramm und knüpfen neue Verbindungen.
Die Fachexpert:innen
Klinik, Forschung, Apotheke und Pflege — die Sprecher:innen kommen aus den Bereichen, in denen Medizinalcannabis täglich angewendet wird.

Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel
Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. Im Circle of Experts beleuchtet er ethische Aspekte der Medizinalcannabis-Therapie und plädiert für realweltliche Studien.

Prof. Dr. med. Thomas Herdegen
Prof. Dr. med. Thomas Herdegen ist Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, langjähriger stv. Leiter des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie am UKSH Kiel. Mitautor der Praxisleitlinie Cannabis und Träger des Deutschen Schmerzpreises 2024.

Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander
Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander ist Facharzt für Allgemein- und Suchtmedizin, leitet das Kompetenzzentrum K.C.M. Hannover für Cannabismedizin und ist Präsident der Deutschen Medizinal-Cannabis-Gesellschaft (DMCG). Lehrbeauftragter zu Suchtmedizin, Psychopharmakologie und Cannabismedizin.

André Ihlenfeld
Dr. André Ihlenfeld ist Facharzt für Anästhesiologie und Schmerzmediziner sowie medizinische Leitung bei Copeia, wo er Projekte zur patientenbezogenen Datenerfassung unter Cannabistherapie verantwortet (u.a. Physicians Experience Platform). Co-Autor von Publikationen zu Cannabisarzneimitteln.
Weitere Informationen
- [00:00] — Kernpunkt: Medizinalcannabis wirkt jenseits der Schmerzachse auf Befindlichkeit und Affekte
- [00:57] — Das Endocannabinoid-System verbessert das Nachtsehen über Vagus-Rezeptoren
- [01:55] — Opioide bewirken chemische Kastration: Argument für Wechsel zu Medizinalcannabis
- [03:03] — CBD-Sicherheit: ab 300 mg Transaminasen-Anstieg und CYP3A4-Hemmung wie Verapamil
- [03:44] — Zukunftsperspektive: Kombination von Psilocybin und Medizinalcannabis in Palliation und Therapie
Das ist der Kernpunkt des Einsatzes von Medizinalcannabis: eine Wirkung nicht einfach nur auf die Schmerzachse, sondern jenseits davon — auf Befindlichkeit, auf das Angstsystem, das limbische System, auf Affekte und Panik, auf die Stressachse. Und das sind Dinge, die wir immer medikamentös in der multimodalen Therapie ansteuern. In diese Aktivität positionieren wir jetzt das Endocannabinoid-System.
Man ist irgendwo in einer Höhle, draußen wird man belagert, Wasser haben wir genug, aber das Essen geht aus und irgendwann treibt mich der Hunger zu sagen, ich muss was tun, weil sonst krepiere ich. Dann gehe ich nachts raus. Nachts sieht man schlecht, aber in der Dunkelheit ist das Einzige, was uns eine Sicherung gibt, dass wir nicht entdeckt werden. Das Endocannabinoid-System verbessert das Nachtsehen. Also: Wenn jemand nachtsichtige Probleme hat — keine Möhrchen essen, sondern ein bisschen THC nehmen. Wie lässt sich diese Hungeraktivität, die zur Nahrungssuche treibt, nachweisen? Das Ganglion nodosum des Vagus hier unten ist voller Cannabis-Rezeptoren, und zwar in einem Gegenspiel zum Cholecystokinin, zum CCK, das ist ein Neuropeptid. Das ist ein Sättigungspeptid: Wenn wir Hunger haben, haben wir viel CB1. Wenn wir gegessen haben, finden Sie keinen CB1. Hochdynamisch, hochaktiv — diese Hungeraktivität, die der CB1- und der CB2-Rezeptor allein in diesem kleinen Bereich entfaltet.
Wenn wir eine schwerere Verletzung haben, dann muss die ausheilen. Und da brauche ich zum Ausheilen, wenn mir mein Bein abgebissen wurde vom Säbelzahntiger, ein bisschen Euphorie — deshalb haben wir euphorische Inhalte durch das Opioidsystem. Die Schmerzen wollen wir hemmen. Aber wenn ich heile und regeneriere, brauche ich Ruhe. Ich darf keine Lust auf Sex haben. Deshalb machen die Opioide eine chemische Kastration. Dass wir Testosteron und Östrogen vielleicht substituieren müssen, ist etwas, was wir schon lange wissen, aber erst seit kurzem so bei den Schmerzkongressen verhandeln. Und das ist unter anderem einer der Punkte, wo es Sinn macht, wenn es die Analgesie verträgt, den Wechsel von Opioiden zu Medizinalcannabis. Das lässt sich hier aus der Physiologie und Pathophysiologie ableiten.
Was ist Medizinalcannabis, wenn wir uns darauf einigen? THC, therapeutisch entscheidender Wirkstoff, zumeist per os. Wir werden nachher sehen, dass man mit Extrakten dann inhalativ eine weitere Option hat, an der Frau Twente hier arbeitet. Zumeist CBD in einem Verhältnis zwischen eins zu eins und eins zu zehn. Da kann man spielen, je nachdem, was man sich noch vom CBD erwartet. Sicherheit: CBD ist ein Problem. Ab 300 Milligramm, ganz kurz, müssen Sie rechnen, dass bei 10 bis 15, 20 Prozent die Leberwerte hochgehen, die Transaminasen. Und ab 300 Milligramm wirkt CBD als CYP3A4-Hemmer, ähnlich wie Verapamil. Da muss man einfach drauf achten.
Aachten redet über Psilocybin. Das ist eine hochspannende Substanz. Und das Psilocybin arbeitet ja über dieses Default Mode Network, das uns in die Depression, aber auch in Angst und Sorge bringt. Wir wissen, dass Cannabis da möglicherweise auch ansetzt. Und das ist für mich ein Vortrag, auch der mit Nadt, wo wir in Zukunft schauen, nämlich: Was leistet das Medizinalcannabis in dieser psychischen Maschine, die uns so viel Ärger bereitet? Und es gibt hochinteressante Ansätze, Psilocybin und Medizinalcannabis zusammenzubringen — sei es in der Palliation am Lebensende oder sei es als therapeutisches Konzept. Das ist die Zukunft, wie wir hier verhandeln werden.







