In Kürze
Worum geht es in dem Podcast?
Dr. med. Matthias Giesel, Facharzt für Anästhesiologie und Schmerztherapie am Christlichen Klinikum Soest, ordnet im Trailer zum Circle of Experts 2026 die Fibromyalgie aus schmerzmedizinischer Perspektive neu ein. Seine Kernthese: Fibromyalgie ist mehr als ein diffuser Ganzkörperschmerz — sie ist eine multidimensionale Resilienzstörung mit somatischer, neuropathischer und psychosomatischer Komponente, die eine eigene Diagnose- und Therapielogik verlangt.
Giesel räumt mit dem alten Dogma der Ausschlussdiagnose auf: Fibromyalgie darf und muss heute auch dann benannt werden, wenn parallel rheumatische Erkrankungen, Bandscheibenvorfälle oder Folgen verschleppter Virusinfekte — einschließlich Post-Corona-Verläufen — vorliegen. Funktionelle MRT-Studien belegen, dass bei Betroffenen ein Schmerzreiz weite Hirnareale aktiviert, weil sich über die Zeit ein ausgeprägtes Schmerzgedächtnis mit zahlreichen synaptischen Verschaltungen ausbildet. Diese Neuroplastizität erklärt den hohen Leidensdruck, der für Behandelnde oft schwer nachvollziehbar ist. Würzburger Forschung ergänzt das Bild um eine intraepidermal nachweisbare Small-Fiber-Neuropathie, die in Einzelfällen diskutiert verschiedene neuropathische Therapieansätze (Details Fachvortrag).
Im Zentrum steht der therapeutische Neueinordnung: Während die alte AWMF-Leitlinie von 2017 Cannabis nicht abbildete, verankert die im Vorjahr erschienene DGS-Praxisleitlinie thematisiert aktuelle Leitlinienentwicklungen in der Schmerzmedizin (Fachkreis-Inhalt). Giesels Vortrag auf dem Kongress 2026 vertieft, wie sich Cannabinoide in ein multimodales Konzept einfügen, das die psychosomatische Verstärkung und das Phänomen der sozialen Rückzugsspirale — der Flatten-the-Curve-Reaktion vieler Patienten — adressiert.
Drei Formate an einem Tag - der Circle of Experts

Fachvorträge
Klinische Praxis aus Schmerz- und Palliativmedizin, Neurologie, Pharmakologie, Pflege und Apotheke. Kurze Slots, hoher Praxisbezug, Q&A direkt im Anschluss.

Fachdiskussionen
Moderierter Austausch zwischen Klinik, Praxis, Apotheke und Pflege. Themen werden vorab gesammelt und gemeinsam priorisiert.

Netzwerken
Klinik, Praxis, Apotheke und Pflege kommen in kleinen Tischrunden gezielt miteinander ins Gespräch, vertiefen Kontakte aus dem Tagesprogramm und knüpfen neue Verbindungen.
Die Fachexpert:innen
Klinik, Forschung, Apotheke und Pflege — die Sprecher:innen kommen aus den Bereichen, in denen Medizinalcannabis täglich angewendet wird.

Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel
Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. Im Circle of Experts beleuchtet er ethische Aspekte der Medizinalcannabis-Therapie und plädiert für realweltliche Studien.

Prof. Dr. med. Thomas Herdegen
Prof. Dr. med. Thomas Herdegen ist Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, langjähriger stv. Leiter des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie am UKSH Kiel. Mitautor der Praxisleitlinie Cannabis und Träger des Deutschen Schmerzpreises 2024.

Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander
Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander ist Facharzt für Allgemein- und Suchtmedizin, leitet das Kompetenzzentrum K.C.M. Hannover für Cannabismedizin und ist Präsident der Deutschen Medizinal-Cannabis-Gesellschaft (DMCG). Lehrbeauftragter zu Suchtmedizin, Psychopharmakologie und Cannabismedizin.

André Ihlenfeld
Dr. André Ihlenfeld ist Facharzt für Anästhesiologie und Schmerzmediziner sowie medizinische Leitung bei Copeia, wo er Projekte zur patientenbezogenen Datenerfassung unter Cannabistherapie verantwortet (u.a. Physicians Experience Platform). Co-Autor von Publikationen zu Cannabisarzneimitteln.
Weitere Informationen
- [00:00] — Fibromyalgie ist Ganzkörperschmerz mit Schlafstörung, Erschöpfung und psychiatrischer Komorbidität
- [00:32] — Neueinordnung: Fibromyalgie ist keine Ausschlussdiagnose mehr
- [01:18] — Funktionelles MRT zeigt: Schmerzgedächtnis und synaptische Verschaltungen erklären den Leidensdruck
- [01:46] — Würzburger Nachweis von Small-Fiber-Neuropathie eröffnet neuropathische Therapieoptionen
- [02:37] — Resilienzstörung: Neun von zehn Patienten haben eine psychosomatische Komponente
- [03:08] — Neue Aktuelle Leitlinienentwicklungen bei Fibromyalgie (Fachkreis)
Was ist Fibromyalgie? Es ist der klassische Ganzkörperschmerz, der aber eben auch mit Schlafstörungen und Erschöpfungsneigung einhergeht. Die Patienten beschreiben häufig, dass sie ihr Tagwerk nicht mehr richtig auf die Kette kriegen — sei es, dass sie noch arbeiten gehen, sich zurückziehen und nicht können, oder dass zu Hause das soziale Umfeld nicht mehr funktioniert. Und sie haben häufig psychiatrische Komorbiditäten mit depressiven Störungen oder Angststörungen, welche eine Rolle spielen.
Wenn wir Patienten haben, die diese Symptomatik beschreiben, müssen wir natürlich grundlegend ein paar Diagnosen ausschließen. Da sind viele aus dem rheumatologischen Formenkreis — also Rheumatoide Arthritis, Polymyalgia rheumatica, Polymyositis. Aber auch verschleppte Virusinfekte, grippale Infekte und Corona-Infektionen können eine Rolle spielen. Das ist neu. Früher galt die Fibromyalgie als Ausschlussdiagnose. Das heißt: Habe ich irgendeine rheumatische Erkrankung? Habe ich einen Bandscheibenvorfall? Habe ich irgendetwas, was ähnlich sein kann? Dann dürfe oder solle Fibromyalgie nicht mehr genannt werden. Das stimmt so nicht. Wir können Fibromyalgie zusätzlich zu anderen somatischen Erkrankungen haben.
Wenn wir ins MRT gehen und ich mich quasi mit einer Nadel in den Finger steche und ein funktionelles MRT mache, in dem ich im Kopf gucke, welche Areale durch diesen Schmerzreiz erregt werden, dann ist es bei mir — plupp — leuchtet so ein kleiner Punkt auf. Beim Fibromyalgiker leuchtet die halbe Hemisphäre auf. Im Endeffekt erklärt man damit auch, dass der Schmerz gelernt wird, dass das Schmerzgedächtnis gebildet wird — bildlich gesprochen. Es bilden sich ganz viele synaptische Verschaltungen bei Fibromyalgikern, und deswegen werden die vermeintlich wenigen Befunde, die wir finden, häufig überexprimiert. Die Patienten berichten von einem unfassbaren Leidensdruck, den wir als Therapeuten nicht so richtig nachvollziehen können.
Man konnte in Würzburg an der Uni nachweisen, dass es bei Fibromyalgikern häufig zu einer Small-Fiber-Neuropathie kommt. Das heißt, wir konnten intraepidermal sehen, dass die Nervenfasern zugrunde gehen. Und das ist auch die Indikation, bei der ich sage: Die neuropathische Komponente, also eine Pregabalin-Medikation, eventuell sogar mal eine SCS — Spinal Cord Stimulation — könnte überhaupt eine Rolle spielen. Das kommt aber nicht bei jedem Patienten vor. Neun von zehn Patienten haben eine psychologische Baustelle, eine psychosomatische Verstärkung, irgendeine Problematik, die da eine Rolle spielt. Ich glaube, dass es sich um eine Resilienzstörung handelt. Das Erste, was der Fibromyalgiker macht, ist Flatten the Curve — kennt man von Corona. Er zieht sich aus allem heraus, was zusätzlichen Stress macht. Er zieht sich zurück: Die Ehe wird schwierig, keine Konfrontation mehr. Häufig geht der Arbeitsplatz, weil er sich aus dem Arbeitsplatz zurückzieht. Aber man sieht, dass der Effekt dieses Flatten the Curve relativ gering ist.
Bis vor kurzem hatten wir nur die AWMF-Leitlinie. In der AWMF-Leitlinie steht Cannabis gar nicht drin, sagen wir es mal so — sie ist von 2017. Aber es gibt jetzt ganz neu aus dem letzten Jahr die DGS-Praxisleitlinie, also quasi für Fibromyalgie, in der Cannabis deutlich im Stellenwert drinsteht und in der wir Cannabis bei Fibromyalgien einsetzen können.







