In Kürze
Worum geht es in dem Podcast?
Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander, Facharzt für Allgemeinmedizin und Suchtmedizin sowie Leiter des Kompetenzzentrums für ganzheitliche Cannabis-Medizin in der Wedemark, eröffnet seinen Trailer-Vortrag zum Circle of Experts 2026 dezidiert politisch. Als Präsident der medizinischen Fachgesellschaft argumentiert er, dass die Cannabismedizin in Deutschland nicht allein als klinische, sondern auch als gesundheitspolitische Frage verhandelt werden muss — beginnend bei der Grundsatzklärung, ob Cannabis als Pflanze, als Phytopharmakon oder als reguläres Medikament einzuordnen ist.
Cimander spricht aus 35 Jahren suchtmedizinischer Praxis mit über 4.500 heroinabhängigen, polytoxikomanen Patienten und verortet Cannabinoide bewusst im Spannungsfeld zwischen medizinischer Indikation und gesellschaftlichem Konsum. Erstmals, so seine These, überlappt sich ein verordnungsfähiges Arzneimittel in einem breiten Graubereich mit dem Freizeitkonsum — eine Konstellation, die 61 Jahre Illegalität und erste Erfahrungen in der HIV-Versorgung der 90er-Jahre als historischen Kontext mitbringt. Pharmakologisch verweist er auf die Aktivierung von THC durch Decarboxylierung (CO2-Abspaltung beim Erhitzen) und auf die fünf großen Indikationsfelder: psychische Gesundheit, Schmerz, Tumor, Neurologie und Sucht.
Im zweiten Teil benennt er die Versorgungslücke: Trotz einer Studienlage, die von 4.500 auf 15.000 Studien in nur eineinhalb Jahren gewachsen ist, finden Patienten keine Behandler. Kollegen scheuen die Verordnung wegen drohender Krankenkassen-Konflikte, fehlender Gebührenordnungsziffern und hohem Beratungsaufwand. Bei 437.000 Ärztinnen und Ärzten in Deutschland — 2025 erstmals mit einem Frauenanteil über 50 Prozent — sieht Cimander gleichzeitig ein generationelles Momentum: In seiner Cannabis-Vorlesung in Göttingen sind 80 Prozent der Hörerschaft junge Frauen. Der Vortrag rahmt damit den Kongress 2026 als Ort, an dem Versorgungsrealität, regulatorische Hürden und der wissenschaftliche Fortschritt der Cannabismedizin zusammengeführt werden.
Drei Formate an einem Tag - der Circle of Experts

Fachvorträge
Klinische Praxis aus Schmerz- und Palliativmedizin, Neurologie, Pharmakologie, Pflege und Apotheke. Kurze Slots, hoher Praxisbezug, Q&A direkt im Anschluss.

Fachdiskussionen
Moderierter Austausch zwischen Klinik, Praxis, Apotheke und Pflege. Themen werden vorab gesammelt und gemeinsam priorisiert.

Netzwerken
Klinik, Praxis, Apotheke und Pflege kommen in kleinen Tischrunden gezielt miteinander ins Gespräch, vertiefen Kontakte aus dem Tagesprogramm und knüpfen neue Verbindungen.
Die Fachexpert:innen
Klinik, Forschung, Apotheke und Pflege — die Sprecher:innen kommen aus den Bereichen, in denen Medizinalcannabis täglich angewendet wird.

Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel
Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. Im Circle of Experts beleuchtet er ethische Aspekte der Medizinalcannabis-Therapie und plädiert für realweltliche Studien.

Prof. Dr. med. Thomas Herdegen
Prof. Dr. med. Thomas Herdegen ist Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, langjähriger stv. Leiter des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie am UKSH Kiel. Mitautor der Praxisleitlinie Cannabis und Träger des Deutschen Schmerzpreises 2024.

Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander
Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander ist Facharzt für Allgemein- und Suchtmedizin, leitet das Kompetenzzentrum K.C.M. Hannover für Cannabismedizin und ist Präsident der Deutschen Medizinal-Cannabis-Gesellschaft (DMCG). Lehrbeauftragter zu Suchtmedizin, Psychopharmakologie und Cannabismedizin.

André Ihlenfeld
Dr. André Ihlenfeld ist Facharzt für Anästhesiologie und Schmerzmediziner sowie medizinische Leitung bei Copeia, wo er Projekte zur patientenbezogenen Datenerfassung unter Cannabistherapie verantwortet (u.a. Physicians Experience Platform). Co-Autor von Publikationen zu Cannabisarzneimitteln.
Weitere Informationen
- [00:10] — Politisches Thema: Was ist Cannabis — Pflanze, Phytopharmakon oder Medikament?
- [00:51] — Cannabismedizin und Cannabinoide sind hochkomplex, mit eigenen Gefahren
- [01:40] — 61 Jahre Illegalität: Cannabinoide schon in den 90er-Jahren bei AIDS-Patienten genutzt
- [02:33] — Patienten finden keine Behandler: Kollegen fürchten Kassenärger und fehlende Vergütung
- [03:26] — 437.000 Ärzte in Deutschland — Frauenanteil erstmals über 50 Prozent
Ich habe ganz bewusst heute, auch als Präsident der Fachgesellschaft, Thomas Herdegen hatte ja schon darauf hingewiesen, auf den Kongress ein politisches Thema gewählt. Weil ein Vorsitzender einer medizinischen Fachgesellschaft muss ja auch politisch sein. Was ist es eigentlich? Eine Pflanze, ein Phytopharmakon, oder ist es auch ein Medikament?
Und ich sag immer auch, ich komme ja aus dem Drogenbereich, bin Suchtmediziner, habe 35 Jahre polytoxikomane Patienten behandelt — 4.500 Heroinabhängige, das ist schon ein straffes Programm gewesen. Und die haben natürlich ganz viele zusätzliche Drogen zusätzlich zur Substitution genommen, auch Amphetamine. Und auch Cannabis wirkt, wie gerade von Nagel gesagt wurde, kontextabhängig. Cannabismedizin und Cannabinoide sind hochkomplex. Wir kommen noch auf die Gefahren dieser Pflanze. Hier sehen wir ganz viel Medizin. Wir sehen aber auch etwas, was ich meinen Patienten vielleicht nicht so empfehle, nämlich einen Tee zu kochen — weil wir genau wissen, die Aktivierung der Pflanze ist immer das eigentliche Problem. Wenn man sie erhitzt, dann wird das THC durch Abspaltung von CO2 in eine aktive Form überführt.
Wir sind nicht primär auf der Konsumentenseite, müssen das aber diskutieren, weil wir zum ersten Mal — so erlebe ich das — einen Bereich vor uns haben, wo Medizin in einem großen Graubereich auch mit dem gesellschaftlichen Konsum überlappt. 61 Jahre waren die Cannabinoide in der Illegalität verschwunden, und keiner traute sich so ran, obwohl wir schon in den 90er-Jahren speziell im HIV-Bereich Patienten, die in kachektischen, AIDS-definierenden Zuständen waren, damit behandelt haben, um ein wenig mehr für die Patienten tun zu können. Wir hatten ja noch keine Medikamente, sie sind uns alle gestorben. Ein ganz trauriges Bild damals. Wir sehen hier: Hauptbereiche sind psychische Gesundheit, Schmerz, Tumor, neurologische Erkrankungen und Sucht.
Ich will auf die beiden Bereiche Schmerz und Sucht hinaus — wenn Sie das im Hinterkopf behalten, dann springen wir jetzt einmal auf diese aktuelle Darstellung. 4.500 Studien, 15.000 Studien eineinhalb Jahre später. Die Patienten finden keine Behandler. Und wir merken auch im MCC, die Verordner kommen nicht, weil meine Kollegen — und ich kenne Tausende aufgrund meiner 20 Jahre in Kammer- und KV-Tätigkeit und im Zulassungsausschuss — sagen: Ja, Conny oder Cimander, was bringt mir denn die Cannabismedizin? Das bringt mir möglicherweise Ärger mit den Krankenkassen, und ich habe noch nicht mal einen wirtschaftlichen Zugewinn, weil wir keine Gebührenordnungsziffern haben. Ich muss sehr intensiv mit dem Patienten sprechen, und außerdem kenne ich mich gar nicht so gut aus.
Wir haben genügend Ärzte in Deutschland — das ist immer das Argument der Kassen: Hey, was jammert ihr eigentlich, wir sind unglaublich viele Ärzte. 437.000 Ärzte, ambulant und stationär, und zum ersten Mal in 2025 war der Frauenanteil über 50 Prozent. Und ich sehe das ja, Kirsten Müller-Vahl sieht das, und auch Thomas Herdegen — er ist jetzt schon abgereist — das sind die Hörsäle. Ich mache eine Cannabis-Vorlesung in Göttingen: Volle 80 Prozent sind junge Frauen.







