In Kürze
Worum geht es in dem Podcast?
Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth, eröffnet im Trailer zum Circle of Experts 2026 mit einer kritischen Standortbestimmung: Reicht die heute verfügbare klinische Evidenz zu Cannabis als Arzneimittel wirklich aus, oder unterschätzen wir den Bedarf an strukturierter Forschung, interdisziplinärem Austausch und ärztlicher Fortbildung? Nagel positioniert sich klar — die Debatte sei zu früh für Schlussstriche, und die alltagstaugliche Anwendung verlange nach belastbareren Daten und intensiverem Dialog zwischen den Fachdisziplinen.
In seinem Vortrag spannt Nagel den medizinhistorischen Bogen vom indischen Ayurveda über Sir William Brooke O'Shaughnessys wegweisende Publikation aus dem Jahr 1843 bis zur heutigen weltweiten Verwendung von Cannabis als Heilpflanze und Arzneimittel. Dabei stellt er die zentrale Differenzierungsfrage: Sprechen wir über eine traditionell genutzte Heilpflanze oder über ein modernes Arzneimittel mit klar definierten Indikationen? Die Antwort, so Nagel, prägt nicht nur das therapeutische Selbstverständnis, sondern auch die regulatorischen Anforderungen an Verordnung, Dosierung und Qualitätssicherung der eingesetzten Cannabinoide.
Sein Plädoyer richtet sich an die internationale Perspektive: Während Regionen wie Thailand oder Südamerika eigene Wege der Cannabis-Integration gehen, fehlt global ein einheitlicher medizinischer Standard. Nagel verteidigt in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Rolle der WHO als Garantin eines einheitlichen Gesundheitsbegriffs und mahnt zugleich, dass die deutsche und europäische Cannabistherapie sich denselben evidenzbasierten Rahmenbedingungen stellen muss wie jedes andere Medikament — von der klinischen Studienlage bis zur ärztlichen Indikationsstellung. Ein methodisch fundierter Einstieg in die Fachkonferenz für medizinisches Cannabis 2026.
Drei Formate an einem Tag - der Circle of Experts

Fachvorträge
Klinische Praxis aus Schmerz- und Palliativmedizin, Neurologie, Pharmakologie, Pflege und Apotheke. Kurze Slots, hoher Praxisbezug, Q&A direkt im Anschluss.

Fachdiskussionen
Moderierter Austausch zwischen Klinik, Praxis, Apotheke und Pflege. Themen werden vorab gesammelt und gemeinsam priorisiert.

Netzwerken
Klinik, Praxis, Apotheke und Pflege kommen in kleinen Tischrunden gezielt miteinander ins Gespräch, vertiefen Kontakte aus dem Tagesprogramm und knüpfen neue Verbindungen.
Die Fachexpert:innen
Klinik, Forschung, Apotheke und Pflege — die Sprecher:innen kommen aus den Bereichen, in denen Medizinalcannabis täglich angewendet wird.

Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel
Prof. Dr. mult. Eckhard Nagel ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an der Universität Bayreuth. Im Circle of Experts beleuchtet er ethische Aspekte der Medizinalcannabis-Therapie und plädiert für realweltliche Studien.

Prof. Dr. med. Thomas Herdegen
Prof. Dr. med. Thomas Herdegen ist Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie, langjähriger stv. Leiter des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie am UKSH Kiel. Mitautor der Praxisleitlinie Cannabis und Träger des Deutschen Schmerzpreises 2024.

Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander
Dr. med. Dipl.-Chem. Konrad F. Cimander ist Facharzt für Allgemein- und Suchtmedizin, leitet das Kompetenzzentrum K.C.M. Hannover für Cannabismedizin und ist Präsident der Deutschen Medizinal-Cannabis-Gesellschaft (DMCG). Lehrbeauftragter zu Suchtmedizin, Psychopharmakologie und Cannabismedizin.

André Ihlenfeld
Dr. André Ihlenfeld ist Facharzt für Anästhesiologie und Schmerzmediziner sowie medizinische Leitung bei Copeia, wo er Projekte zur patientenbezogenen Datenerfassung unter Cannabistherapie verantwortet (u.a. Physicians Experience Platform). Co-Autor von Publikationen zu Cannabisarzneimitteln.
Weitere Informationen
- [00:00] — "Es braucht keine weitere klinische Evidenz" — Nagel wagt das zu bezweifeln.
- [00:29] — Wie viel unserer heutigen Erkenntnis ist neu, wie viel historisch begründet?
- [01:14] — O'Shaughnessys Veröffentlichung 1843 als Ursprung der Cannabis-Pharmakologie in Europa.
- [01:52] — Heilpflanze oder Arzneimittel? Die Differenzierung entscheidet über die Verwendungsform.
- [03:30] — Cannabis braucht dieselben Rahmenbedingungen und Begründungen wie andere Medikamente.
Ist es denn eigentlich so, dass wir schon ganz klar darüber sind? Es braucht keine weitere klinische Evidenz, wir haben genug — ob das richtig ist, wage ich zu bezweifeln. Es braucht weiterhin Ausbildung und den Austausch zwischen Kolleginnen und Kollegen der verschiedenen Fachdisziplinen innerhalb der Medizin, um die Anwendung im Alltag tatsächlich besser zu belegen und dann auch entsprechend anzuwenden.
Das Interessante für uns heute in unserer Medizin ist immer die Frage zu stellen: Wie viel von dem, was wir heute erkennen, ist ganz neu? Wie viel davon hat historischen Hintergrund? Kippen wir alles, was wir an historischem Hintergrund haben, mit einer neuen Erkenntnis einfach über Bord? Würde ich nicht so empfehlen — medizingeschichtlich macht sich das nicht gut. Aber das sind die Fragen, um die es dabei geht.
Natürlich gibt es unterschiedliche Regionen weltweit im Hinblick auf die Entwicklung von Medizin. Im Hinblick auf die Frage, in welcher Art und Weise wir zu der Beschreibung der Funktionen gekommen sind, spielt Sir William Brooke O'Shaughnessy eine wesentliche Rolle. Aus dem Jahr 1843 gibt es die erste Veröffentlichung im Kontext der Beobachtung, dass es sich hier um ein Medikament handelt — und zwar aus der Perspektive der indigenen Medizin, aus Indien kommend, der ayurvedischen Medizin, die Cannabis als Heilpflanze verwandt hat, und damit die Integration nach Europa.
Ist Cannabis also eine Heilpflanze oder ein Arzneimittel? Das ist eine wichtige Differenzierung im Hinblick auf die Diskussion, die wir zur Verwendungsform haben. Sie sehen, dass in Thailand und in Südamerika eine entsprechende Durchdringung stattfindet. Wir haben es hier mit einem weltweiten Medikament zu tun, das in unterschiedlicher Art und Weise genutzt wird. Weltweit betrachtet haben wir keinen einheitlichen Standard im Hinblick darauf, was wir unter moderner Medizin verstehen, sondern in den Regionen durchaus unterschiedliche Ausprägungen und ein unterschiedliches Verständnis.
Wir kritisieren im Moment leider sehr intensiv die WHO — das finde ich ausgesprochen bedauerlich. Die WHO hat besonders dazu beigetragen, dass wir einen einheitlichen Gesundheitsbegriff und eine einheitliche Zielsetzung haben, was Gesundheit erreichen soll. Sie können erkennen, dass Sie in all diesen Bereichen eine Anwendung von Cannabis als Heilpflanze oder als Medikament über die letzten Jahrhunderte und Jahrtausende finden, und dass sich heute in der modernen Medizin entsprechende Rahmenbedingungen abbilden. Das bedeutet aber für uns: Gerade im Hinblick auf die Begründung, in welchen Kontexten eine Anwendung stattfinden soll, brauchen wir die gleichen Rahmenbedingungen und Begründungen, wie wir sie für andere Medikamente auch brauchen.







